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Anfang Mai 2500 - die B 51 bekommt endlich eine zehnte Spur Richtung Rhein. Der Bauleiter stoppt den Laser-Bagger und schaut sich auf seinem Handgelenk noch einmal den uralten Bebauungsplan für das Gelände an.
Hier muss irgendwo ein Haus gestanden haben, das einen recht modern gehaltenen Umriss hatte. Er kann den Time-Checker durch Augenkontakt Jahrzehnt für Jahrzehnt zurückpointen und wird im Jahr 2013 fündig. Er schaltet auf moving-picture und ist für die nächsten Minuten in einen Film vertieft, der ihm viel von den Gebräuchen seiner Vorväter zeigt.

Ist-Zeit 5. Mai  – und dort, wo er nun steht, war 2013 ein großer Festtag. Der junge Straßenbaumeister schaut fasziniert auf die Szene.
Ein Haus, wie aus einem Märchenbuch, viel Holz, viel Dekor und Fenster aus echtem Glas – und daneben eine Fläche, glatt und grau gefärbt.
 

Gerade sieht er einen jungen Mann reden – er spricht in eine Kugel am Stab, mit Schnur - warum auch immer. Auf ungefähr hundert Stühlen sitzen farbig gekleidete Menschen jeden Alters und hören ihm zu. Der Mann steht neben einem rechteckigen Behälter mit einer Öffnung an der Oberseite und legt nun zusammen mit ein paar weiteren jungen Menschen eine glänzende, geschlossene Röhre in den Behälter. Was mag das bedeutet haben? Ach, zu dumm! Er hat vergessen, den Ton zuzuschalten!

Jetzt kann er hören – nur leider nichts verstehen, obwohl er von seinem Wissen her diese Sprache erkennt, wie sie damals in einem Gebiet namens Deutschland üblich war.
Wozu hat er aber seinen Translater? Aha! Das lief also damals ab am 5. Tag im 5. Monat 2013!
 

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Es sollte ein Haus gebaut werden, in dem diese Menschen den allmächtigen Schöpfer allen Lebens verehren wollten! Ein Haus aus Materialien, die sie Steine nannten, Holz, Farbe und Kunststoffe! Interessant, wie sich alles verändert hat! Was sagte der junge Mann dort, der nun von einer Frau neben ihm Lukas Schülbe genannt wurde? „Wir haben in diesen Grundstein viele Dinge hineingelegt, die vielleicht irgendwann in der Zukunft unseren Nachkommen etwas davon erzählen können, welches Haus hier stehen soll und warum. In dieser Hülle aus Kupfer sind die gezeichneten Pläne, auf vielen papierenen Blättern steht geschrieben, um was unsere Mitglieder und Freunde Gott gebeten haben wegen diesem Haus und seiner Bestimmung und wie diese Bitten erhört wurden. Wir gaben auch ein Plakat hinein mit den Fingerabdrücken unserer Gemeindebesucher, dazu gedruckte Exemplare unserer lokalen Zeitungen und nicht zu vergessen eine vollständige Bibel – damit deutlich wird, wen wir als unseren wahren Lebensgrundstein anbeten. Auch einen Holzspan von dem Kreuz, das wir seit über vierzig Jahren anschauen, wenn wir in unserem Gottesdienstraum zusammentreffen. Ob die Menschen späterer Jahrhunderte, die diesen Grundstein einmal öffnen, noch verstehen werden, was die Dinge bedeuten, die der winzige, durchsichtige Beutel enthält? Es sind zwei gebackene Rundkekse und fünf Fischlein aus Zuckergummi.“

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Der junge Baumeister schmunzelt. Er weiß es! Er kennt sich in diesem Buch, das an diesem denkwürdigen Tag vor 500 Jahren für immer im Stein eingemauert wurde, genau so gut aus wie seine unbekannten Vorväter. Das Haus steht schon lange nicht mehr. Die Reden, die von den Ehrengästen der Grundsteinfeier gehalten wurden, sind verklungen. Er sieht sich noch den Fortgang des Festtages an. Da war ein Mann, der die kleine Stadt als Bürgermeister leitete – angesprochen wurde er mit Stefan Caplan.

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Er lobte den vorgesehenen Bau als Bereicherung des Stadtbildes. Nach ihm betonte einer mit Namen Hartmut Fehler, wie positiv es ist, wenn es Orte gibt, wo man die körperlichen Nöte der Nächsten lindern hilft und gleichzeitig ihre seelischen Nöte wichtig nimmt. Er sprach aus seinen Erfahrungen im großen Diakoniewerk Bethanien.
Auf dem gestochen scharfen Handgelenk-Monitor erschienen auch Kollegen vom jungen Straßenbaumeister. Der staunte, mit welch – für sein Verständnis – einfachem Handling sie seinerzeit diese präzisen Hochbauten erstellen konnten. Ein älteres Ehepaar unter den Besuchern fiel ihm besonders auf.
Sie wurden soeben gefragt, wie es sie berührt hätte, das verfallene Haus nun im neuen Kleid mit soviel Zukunft wieder erwachen zu sehen. Die früheren Eigentümer – sie hießen Roland und Siegrid Löhmer – waren begeistert von dem Mut und der Tatkraft der Gemeindeglieder und wünschten ihnen, dass ihr Vorhaben ohne Probleme zum Ende kommen würde.

Der mannshohe Laser-Bagger gab ein Signal ab – sein Sonnenakku war wieder 100%  geladen. So drehte der junge Special-construction-engineer seine Hand nach unten, der Monitor wurde dunkel. Er fühlte in sich eine heitere Freude - er hatte Menschen kennengelernt, mit denen er sich verbunden fühlte als liebenswerte Geschwister.

Ulla Hellmann